„If you live outside the box it’s easier to think outside the box“ – wie wir zu Freilernernfamilie wurden.

2015 wurde unser ältestes Kind schulpflichtig. Wir hatten damals schon das Buch „Und ich war nie in der Schule“ von Andre Stern gelesen. Frei zu lernen, ausserhalb von Institutionen, mitten im Leben, faszinierte und überzeugte uns. Es machte uns aber auch Angst. Okay, die Sterns, eine Künstlerfamilie mit einem Wohnsitz in Paris und einem auf dem Land … da geben sich Künstler/innen, Handwerker/innen und Intellektuelle die Klinke in die Hand … Anregungen und Vorbilder zuhauf für ein Kind. Aber wir – eine Normalofamilie in Trier … mit einem manchmal doch recht farblosem Alltag … ? Unter der Woche kommt niemand. Die Erwachsenen sind berufstätig, die Kinder in Institutionen. Braucht es da nicht Schule, damit ein Kind in Gemeinschaft aufwächst und Freunde findet? Und braucht es nicht überhaupt Schule, damit ein Kind umfassend gebildet wird? Unser Vertrauen in das selbstbestimmte Lernen kam gehörig ins Wanken. Komisch, dabei hatten/haben wir das bei unseren Kindern im Vorschulalter zu 100%. Wir sind zurückhaltend mit Förderangeboten, schaffen eine anregende Umgebung und lassen die Kinder ihren eigenen Impulsen, Interessen und Ideen nachgehen. Frühere Blogbeiträge dazu:

Fördern – bis in der Seele alles leer ist

Spass- und Bildungsräume

Bis zum Grundschulalter machen das viele Eltern so. Sie haben Vertrauen in ihr Kind und folgen ihm. So lernen die Kinder Krabbeln, Laufen, selbständig Essen, Sprechen, einen Turm bauen und vieles mehr.  Dann kippt es am Tag der Einschulung. Jetzt beginnt der Ernst des Lebens und das heisst für die Kinder,  dass die Erwachsenen plötzlich wissen, was wann wie zu lernen ist. 6 Jahre lang konnte das Kind seinem inneren Fahrplan und seinen Interessen folgen. Damit soll jetzt Schluss sein. Um 8 Uhr wird jetzt schreiben gelernt um 9 Rechnen und um 10 wird dann gemalt. Wir fragen uns, warum das auf einmal besser sein soll bzw. überhaupt gut sein soll?

Warum es uns vielleicht leichter fällt, andere Wege zu gehen und etwas Ungewöhnlicheres auszuprobieren und zu leben: Die Fähigkeit „outside the box“ zu denken und zu leben kann man trainieren. Manchmal fordert das Leben diese Fähigkeit heraus, manchmal suchen wir uns selber Trainingsmöglichkeiten. Bei uns war es so, dass wir als Lesben schon als Kinder und Jugendliche anders waren und unseren eigenen Weg gefunden haben. Anpassung war keine Option. Als Paar konnten wir uns nicht auf der Heteronormativität ausruhen oder uns darauf beziehen. Wir mussten uns allerdings auch nie aktiv davon distanzieren und abgrenzen. Als Regenbogenfamilie war die Elternrolle auch jenseits von Papa, Mama, Kind neu zu gestalten. Das Alles hat den Muskel “ think outside the box and live outside the box“ sowohl im Alltag als auch bei Lebensentscheidungen immer herausgefordert und trainiert.

Als es dann um Schule ging war es uns ein Leichtes, das Wissen um die Entwicklung von Kindern sowie das Wissen um Lernen mit der Fähigkeit gewohnte Bahnen zu verlassen zusammen zu bringen. Karins schulische Erfahrung, zwar an den Themen der Schule interessiert zu sein – aber immer zum falschen Zeitpunkt – war auch hilfreich. Am Beispiel des Geschichtsunterricht ist das am prägnantesten. Als Karin an der Zeit des zweiten Weltkrieges interessiert war, waren in der Schule die Römer dran, als es dann schulisch ums Mittelalter ging, interessierte sich Karin brennend für die französiche Revolution. Ähnlich war es in Mathe, da war das Interesse oft bei den Inhalten die der ältere Bruder gerade machen musste, der hatte auch z.T. Spass daran das zu erklären. Aber das was in der Schule dran war, stand da gerade nicht auf Karins innerem Lehrplan.

Bei unserem Ältesten wählten wir dennoch zuerst den üblichsten Weg und er besuchte 5 Monate die freie Waldorfschule in Trier. Er hatte da aber wirklich Pech. Die Klasse wurde anfangs von zwei Lehrer/innen betreut, die aber absolut nicht miteinander klar kamen. Das führte zu Streit unter den Lehrern, unschönen Situationen vor den Kindern, der Entlassung einer Lehrkraft… aber vor allem dazu, dass die Erstklässler nicht im Zentrum standen. Unser Sohn litt unter der Situation und vor allem unter dem plötzlichen Verschwinden des Lehrers, den er mochte. Die verbleibende Lehrerin konnte keine gute Beziehung zu ihm aufbauen. Dazu kam, dass er sich super auf die Schule und vor allem darauf gefreut hatte, lesen und schreiben zu lernen. Der Lehrplan der Waldorfschule sieht aber für die ersten Wochen Formenzeichnen vor. Die Kinder malen Striche und Bögen. Darin hat unser Sohn überhaupt keinen Sinn gesehen. Er malte durchaus gerne, war aber gerade dabei, eher fein zu zeichnen. Das ist mit den Wachsmalblöcken, die Kinder an der Waldorschule verwenden müssen, nicht möglich.  Er fand die Bilder hässlich, die er dort malte. Sie wanderten immer direkt nach der Schule in den Mülleimer. Unser Sohn wurde immer unglücklicher. Nach 5 Monaten haben wir dann entschieden, dass für uns Schluss ist. Unser Sohn wurde zum Freilerner.

Im folgenden Jahr brachte er sich selbst das Lesen und das Schreiben bei. Inzwischen kann er auch komplizierte Texte flüssig lesen … und somit kann er sich – u.a. -über diesen Weg das Weltwissen erschliessen.

Jetzt sind wir also eine Freilerner Familie… und wie es mit uns weiter geht, erfahrt ihr in den folgenden Beiträgen!

Vielleicht zum Schluss nocht etwas, das uns sehr am Herzen liegt: wir sind nicht gegen Schule! Es gibt wunderbare Schulen, die sich auf den Weg gemacht haben, Kind gerechte Schulen zu sein. Und es gibt Kinder, die auch auf ganz normalen Schulen ihren Platz finden, sich wohl fühlen und ihren Weg machen. Und last but not least gibt es einfach auch Eltern, für die es am Besten passt, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Wir stehen auch hier aus vollem Herzen für Vielfalt! Jede Familie soll so leben können, wie es für sie am Besten passt. Deutschland und Schweden sind in Europa die einzigen Länder mit einer rigorosen Schulpflicht. Alle andere Länder haben eine gesetzlich geregelte Bildungspflicht (der Eltern). Diese ermöglicht den Kindern, auch andere Bildungswege zu gehen – z.B. Homeschooling (die Eltern unterrichten ihr Kind), Unschooling (kein Unterricht, das Kind folgt frei seinen Interessen), Worldschooling (Freilerner die viel reisen), der Besuch einer Fernschule … . Viele Wege führen dazu, dass aus Kindern junge Erwachsene werden, die alle Kompetenzen haben, um ihr Leben erfolgreich zu gestalten und ihr Potenzial zu entfalten!

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