Klaus Grawe: Neuropsychotherapie

Ich (Susanne Stroppel) habe schon lange nicht mehr ein Fachbuch mit so viel Spannung, Neugierde und Wissbegierde gelesen wie das Buch „Neuropsychotherapie“ von Klaus Grawe.

Unter Neuropsychotherapie versteht Grawe das gezielte Herbeiführen von Erfahrungen, die dazu führen, dass neuronale Vorgänge geändert werden.

Zu den neuronalen Vorgängen gehören die Strukturen unserer Neuronen und Synapsen sowie die Prozesse, die sich zwischen ihnen abspielen. Unser gesamtes inneres Erleben basiert auf diesen Vorgängen. Sie liegen unseren Gedanken, Gefühlen, Körperempfindungen und Handlungsimpulsen zugrunde. Psychotherapie strebt eine Veränderung genau dieser Ebenen an. Somit ist Wissen um neuronale Vorgänge eine grosse Bereicherung für Psychotherapeut/innen aller Schulen.

Nach einer Einleitung, in der Grawe wichtige neuronale Prinzipien (z.B. „Use it or loose it“) beschreibt, folgt im dritten Kapitel eine differenzierte Darstellung neuronaler Korrelate psychischer Störungen. Grawe erläutert, welche Gehirnstrukturen bei der Depression, der Posttraumatischen Belastungsstörung, den Angststörungen sowie der Zwangsstörung wie beteiligt sind und leitet jeweils Konsequenzen für das psychotherapeutische Vorgehen ab.

Zentral ist für Grawe bei allem das menschliche Streben nach Befriedigung wichtiger Grundbedürfnisse (Annäherungsverhalten) bzw. das Vermeiden von Verletzung derselben (Vermeidungsverhalten). Grawe differenziert vier Grundbedürfnisse: Bindungsbedürfnis, Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle, Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Bedürfnis nach Lustgewinn bzw. Unlustvermeidung. Diese werden im vierten Kapitel ausführlich erläutert. Für erfolgreiches psychotherapeutisches Vorgehen sei entscheidend, Klient/innen explizit oder implizit Erfahrungen zu ermöglichen, die der Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse dienen.

Grawe schliesst sein Buch mit der Ableitung von Leitregeln für den Therapieprozess aus neuropsychologischer Perspektive.

Ein Buch, das für psychotherapeutisch Tätige geschrieben wurde, aber aus meiner Perspektive nicht nur für diese interessant ist. Wir in KaSu-Institut sind z.B. auch als Supervisorinnen in Kinderbetreuungseinrichtungen tätig und profitieren hier sehr von der detaillierten Darstellung der Grundbedürfnisse (vg. Empfehlungen für die Säuglings- und Kleinkindbetreuung).

Grawe, Klaus: Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe, 2004.
ISBN: 3-8017-1804-2

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