Was Conchita Wurst mit Kindererziehung zu tun hat

Conchita Wurst spielt mit Geschlechterrollen – sie ist sowohl Mann als auch Frau. Conchita Wurst bricht Geschlechternormen – sie ist weder Mann noch Frau. Die Privatperson Tom und die Kunstfigur Conchita „sind ein eingespieltes Team, das nur im Duo funktioniert“. Conchita trägt den Nachnamen „Wurst“, denn „Aussehen, Geschlecht und Herkunft sind nämlich völlig WURST, wenn es um die Würde und Freiheit des Einzelnen geht. Einzig und allein der Mensch zählt“ – so  auf der Webseite von Conchita Wurst.

Im Alltag unserer Kinder ist das Geschlecht alles andere als Wurst.

Manche Kleinen bekommen das schon mit der Muttermilch eingetrichtert – wenn Mama manchmal abpumpt, dann selbstverständlich in ein rosa- oder blaugemustertes Fläschchen … .

Typisch Mädchen, typisch Junge …

Gravierend ist, dass das, was hier seinen Anfang nimmt, nicht mehr aufhört. Die Babykleidung ist erkennbar männlich/weiblich, die Spielsachen, die Kinderzimmermöbel, viele Kinderwagen, Accessoires ….  und die Eigenschaften des Babys sowieso … .

Und  das geht so durch alle Altersstufen weiter. Wenn ich ein Geschenk für ein Geburtstagskind kaufen möchte, dann ist die erste Frage der Verkäuferin „Ist das Geschenk für ein Mädchen oder für einen Jungen?“ Der allergrößte Teil der Spielwaren ist klar definiert und via Farbgebung und Gestaltung erkennbar als „für Mädchen“/“für Jungen“ und nach ein paar Jahren haben das auch die Kinder verinnerlicht und stellen es nicht mehr in Frage. Viele Kinder haben bereits im Kindergartenalter völlig klar, welche Spielsachen für sie nicht in Frage kommen – und zwar unabhängig davon, ob dieses Spielzeug ihren Bedürfnissen / Interessen / Fähigkeiten entsprechen würde.

Für Jungen ist es schwieriger, die Geschlechtergrenzen zu überschreiten

Dabei  ist es klar , dass es für Jungen wesentlich schwieriger ist, sich für „Mädchensachen“ zu interessieren, als für Mädchen, „Jungssachen“ zu machen. Viele Mädchen werden z.B. unterstützt, Fußball zu spielen, wenn dies ihrer Neigung entspricht. Jungen wird es gar nicht erst angeboten, sich für Ballett auch nur zu interessieren, auch wenn es ihrer Neigung entsprechen würde. Es ist viel denkbarer, dass ein Mädchen auf einem Trettraktor durch die Gegend fährt, als dass ein Junge begeistert seinen Puppenwagen vor sich her schiebt.

Durch die Emanzipation der Frau gibt es kaum Bereiche, die Mädchen grundsätzlich verschlossen sind. Durch die immer noch bestehende Homophobie aber werden Jungen immer noch viele Sachen verwehrt.

Vor einigen Jahren hat das damalige Frauenministerium in Luxemburg einen Vortrag zur „Geschlechtergerechten Pädagogik“ organisiert. Der Titelvorschlag von Karin  „Anna baut einen Turm und Paul färbt sich die Fingernägel“ wurde abgelehnt und letztendlich hieß der Vortrag: „Anna baut Türme und Paul strickt einen Schal“. Die Homophobie hinter der Entscheidung ist nicht zu verheimlichen. Ein Junge darf stricken aber bei den Fingernägeln hört der Spaß der Genderpädagogik dann doch auf.

Mädchen können aus der gleichen Logik heraus anziehen was sie wollen, bei Jungen sieht es hier sehr anders aus oder wann haben Sie das letzte mal einen Jungen in Rosa oder im Kleidchen gesehen? Mädchen können anziehen, was sie wollen, zu 90% tragen sie aber erkennbare Mädchenkleidung. Die Geschäfte, in denen Eltern so üblicherweise Kinderkleidung kaufen, haben in der Regel nur „getrennte Abteilungen“ – eine für Jungen und eine für Mädchen. Die Mädchenjeans hat einen anderen Schnitt und ist bestückt mit Glitzer und Flitter. T-Shirts und Sweatshirts haben ebenfalls meist einen anderen Schnitt, sind gerne rosa aber auf jeden Fall bedruckt mit Herzen, Blumen, Prinzessin Lillifee natürlich und Hello Kitty nicht zu vergessen. Die anderen Schnitte sind in diesem Alter einfach nicht begründbar mit einer anderen Anatomie – unserer Tochter passen die Jeans und Sweatshirts vom großen Bruder hervorragend! Wir sparen dadurch viel Geld und zahlen dafür lieber den Preis, dass wir uns Kommentare wie „M. ist immer so jungenhaft angezogen“ anhören dürfen. Wobei es uns wichtig ist, mit dem Kleidungsstil zu spielen und ihr eine große Bandbreite anzubieten – sie hat ebenso schöne Kleidchen und auch rosa Kleidungsstücke und wir ziehen ihr beides gerne auch ab und an an. Unserem Sohn haben wir diese Bandbreite jedoch nicht angeboten. Inzwischen entscheidet er eh selbst, was er anzieht – und auf jeden Fall keine „Mädchenkleidung“ aber wir haben ihm auch nie einen Rock / ein Kleidchen angezogen, als er klein war. Ich glaube, das ist die große Macht der Normen … Frau hält sich einfach dran … sie zu brechen, kommt einem Tabubruch gleich und macht mehr oder weniger diffuse Scham-, Schuld- und Angstgefühle.  Ich weiß nicht, ob wir das bei einem weiteren Sohn anders machen würden … vielleicht ja … hoffentlich?! … .

Was ist eigentlich das Problem der Zuordnung von Spielsachen, Interessen und Kleidungsstil zu einem Geschlecht? 

Conchita Wurst vertritt, dass Aussehen und Geschlecht völlig Wurst sein müssen, wenn es um die Freiheit und Würde des Einzelnen geht.

Die bestehende Geschlechternormativität  beschränkt die Kinder in der Wahrnehmung von sich selbst, im Selbstausdruck und in ihren Entwicklungsmöglichkeiten. Den Kindern wird also Stück Freiheit genommen. 

Im Rahmen der Geschlechternormativität kommt es immer wieder zu Verletzungen der Würde. Als unser Sohn sich mit 4 Jahren noch mit seinem rosa Puppenwagen auf die Strasse wagte, wurde er ausgelacht: „Ich dachte, du bist ein Junge. Und jetzt kommst du mit einem Puppenwagen daher …ha ha …“.

Und jetzt zum eigentlichen Anlass des Artikels 🙂

Ein herzliches Dankeschön an die Schmitz-Familiy für diesen wunderbaren CSD!

Veranstaltungen wie der Cristopher Street Day sind uns für unsere Kinder so wichtig. Sie machen Vielfalt für sie sichtbar und erlebbar. Zur Zeit bin ich v.a. dankbar, dass unser Sohn die Möglichkeit hat, starke und selbstbewusste, kluge und witzige Männer zu erleben, die es wagen rosa, lange Haare und Kleider zu tragen.

Gruppierungen wie die Schmitz-Family sind die einzigen Gruppen, die – ohne dass das ihr primäres Ziel wäre – für die Kinder eine Gesellschaft schaffen wollen, in der es WURST ist, wie ein Kind ist, was es spielt, wie es sich anzieht und ob und wie es sich schminken will.

Unser Sohn meinte heute morgen: „weißt du, der CSD hat mir gut gefallen“. 🙂

CSD 2014

CSD 2014

CSD Trier 2014

CSD Trier 2014

Und wir mittendrin!

Und wir mittendrin!

CSD Trier 2014

CSD Trier 2014

CSD Trier 2014

CSD Trier 2014

CSD Trier 2014

CSD Trier 2014

CSD Trier 2014

CSD Trier 2014

 

 

 

 

 

 

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9 Gedanken zu “Was Conchita Wurst mit Kindererziehung zu tun hat

  1. Wie immer wieder toll geschrieben.
    Gerne gelesen.
    Und die Kinder soooo groß schon. Toll macht ihr beide das.
    Liebe Grüsse von uns beiden.
    Monique an Ineke:-)

    • Liebe Moma,
      ganz lieben Dank für Deine herzliche Rückmeldung! Das freut uns sehr und macht uns Mut, weiter das auszudrücken, was uns so am Herzen liegt. Wenn ich Blogbeiträge schreibe, dann gehe ich oft an bis über meine Grenzen = ich schreibe bis mitten in die Nacht hinein oder in jeder freien Minute tagsüber … und gleichzeitig gibt mir das Tun die Energie, die ich dazu brauche … weil es mir einfach so gut tut, mich auszudrücken … aber das ist Dir als Schreibende ja sicher sehr vertraut 🙂 Ganz liebe Grüße an Dich und I., Susanne

  2. Hallo Susanne!
    Wieder so erkennbar! !! Unserer Tochter lassen wir zu, Jungenkleidung zu tragen und Fußball zu spielen aber unseren Sohn habe ich noch nie im Kleidchen zum Kindergarten geschickt…. obwohl er sich da schon mit Kleidchen verkleidet hat und durfte! ! Unsere Tochter mag überhaupt keinen Nagellack und unser Sohn hat das schon mal ausprobiert; )… langsam passt unser Sohn sich an die gesellschaftlichen Normen an oder ist das sein eigenes Interesse. .das weiß ich nicht genau aber wenn die jung sind ist das noch nicht so klar. Mit Zwei ist er noch mit dem Puppenwagen unserer Tochter gewandert und dann haben wir natürlich auch Blicke bekommen. Ich finde auch man soll Kinder als Individuum sehen und hätte gewünscht es gäbe mehr neutrale Kleidung! !! Unsere Tochter shopt auch immer in der Jungenabteilung jetzt, da sie nichts haben muss von Prinzessinnen.

    • Liebe R., ganz ganz herzlichen Dank für Deinen Kommentar zu unserem Artikel. Als ich ihn mit Karin geschrieben habe, haben wir auch viel über Dich geredet. Es beeindruckt mich schon lange, wie Du Deiner Tochter ihren eigenwilligen Kleidungsstil lassen kannst – sie ist ja noch recht klein – ein Grundschulkind – und du lässt ihr ihre Art, sich zu kleiden schon seit Jahren und versuchst nicht, sie zu beeinflussen. Ich merke bei mir immer, wie schwer es mir fällt, die Kinder anziehen zu lassen, was sie wollen, wenn es manchmal meinen Vorstellungen von „schön“ widerspricht, wenn ich finde, dass ihnen was anderes aber viel besser steht …. . Es ist so schön, dass Deine Tochter in Freiheit ihren Stil entwickeln und sich so anziehen kann, wie sie sich eben wohl in ihrer zweiten Haut fühlt. Was Du über Deinen Sohn schreibst ist so treffend: Ja, die Jungs passen sich so langsam an die gesellschaftlichen Normen an und man weiß nicht – ist er das – oder ist es Anpassung – gibt er gerade einen Teil von sich auf … ja, wenn sie so jung sind ist das so schwer zu sagen … . Ganz lieben Dank für deinen wertvollen Beitrag!
      Susanne

  3. Eine Blog-Leserin hat uns noch diesen Buchtipp gemailt. Lieben Dank!

    Ich lese gerade das Buch von Almut Schnerring und Sascha Verlan.
    DIE ROSA-HELLBLAU-FALLE
    Für eine Kindheit ohne Rollenklischees
    Das passt zu eurem Blogeintrag.

    • Liebe Susanne,
      Hier noch 2 tolle Kinder-Bücher in denen Kinder sich selbst sein dürfen, eben auch jenseits der gängigen Rollenklischees.

      – „Paul und die Puppen“. Hier erzählt Pija Lindenbaum die Geschichte eines Jungen im Kindergarten. Er spielt sowohl „richtige Jungen-Spiele“, wie Fussball, Ringen und Krieg. Aber auch mit den Mädchen Puppen und Verkleiden. Schliesslich wird er von seinen Freunde erwischt wird und diese entdecken dann auch die Freude am Verkleiden und Mädchen-Spielen.

      – „Ich hasse rosa“ ist von Nathalie Hense und handelt von einem sehr selbstbewussten kleinen Mädchen welches sich den „typisch-Mädchen Vorstellungen“ der Erwachsenen wiedersetzt. Weiterhin wird noch etwas mit den Sprüchen wie „an dir wäre ein Junge verloren gegangen“ gespielt. Auf sympatische Weise lässt die Autorin sich das Mädchen dagegen wehren und den erwachsenen Leser nachdenken.

      liebe Grüsse

      Nathalie

      • Liebe Nathalie,

        so herzlichen Dank für die tollen Buchtipps – wir kennen beide Bücher nicht und werden sie umgehend bestellen!

        Ganz liebe Grüße, Susanne

  4. Hallo Karin und Susanne
    Ich lese gerade das Buch von Almut Schnerring und Sascha Verlan.
    DIE ROSA-HELLBLAU-FALLE
    Für eine Kindheit ohne Rollenklischees
    Das passt zu eurem Blogeintrag.
    Was mich sehr Interessieren würde ist eure Meinung über Transidentität.
    Liebe Grüsse
    Corina

    • Hallo,

      Beim nochmaligen durchlesen, des Artikels ist mir aufgefallen, dass wir an ein zwei Stellen von Homo- und von Transphobie hätten schreiben sollen. Das haben wir im Artikel verpasst. Tut mir Leid. Die schmerzliche Bedeutung der Transphobie für transidente Kinder ist völlig klar. In der Erziehung zum Jungen oder Mädchen mischen sich die beiden Formen (Homo- und Transphobie) zu einem unheilvollen Gebräu, das es den Kinder nicht einfach erlaubt sie selber zu sein und zu werden. Und hier meine ich wirklich ALLE KINDER, werden in ihrer Freiheit und Würde eingeschränkt, wie es Conchita sagt.

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