Die ersten Anzeichen für eine sich anbahnende Depression zeigten sich bei mir Ende der 90er Jahre. Meine seelischen Probleme waren beruflich bedingt. Als ich Anfang 2000 im Büro anfing, mit Dingen um mich zu schmeissen, gab mir ein Kollege den Tipp, einen Psychologen aufzusuchen, mit dem er sehr gute Erfahrungen gemacht hatte.
Ich fühlte mich verletzt und reagierte anfangs wütend auf diesen Vorschlag (ich beim Klapsmühlendoktor ???), doch als sich die Situation verschlimmerte, fragte ich nach einem Termin bei dem erwähnten Psychologen.
Dort machte ich meine ersten, sehr guten Erfahrungen mit dem, was ich anfangs als Psycho-Ding bezeichnete.
Nach einem halben Jahr fühlte ich mich besser, doch da sich in meinem Beruf nichts veränderte, wurde ich schnell wieder rückfällig und verfiel nun in sehr tiefe Depressionen. Ich suchte mehrere Psychiater auf, die mich zwar mit Medikamenten vollstopften, das eigentliche Problem damit jedoch nicht lösten.
Am Ende meiner Kräfte angelangt, landete ich schlussendlich in Bad Neuenahr-Ahrweiler, wo ich während drei Monaten mit einer Therapie gegen meine Depressionen anzukämpfen versuchte.
Ich war enttäuscht. Alle Therapien schlugen bei mir kaum an, doch dann wurde ich in eine Psycho-Drama-Gruppe geschickt – und war fasziniert.
Gleich am Anfang wurde ich als Statist in diesem Rollenspiel eingesetzt, und obwohl ich das ganze für Humbug hielt, verliess ich die Gruppe nach zwei Stunden und war beeindruckt. Im Laufe der Zeit sollte sich zeigen, dass ich zum ersten Mal, nach vielen Jahren, eine Therapie gefunden hatte, die mich weiterbrachte. Was umso deutlicher wurde, als in einer der Sitzungen mein Fall besprochen und bearbeitet wurde. An diesem Tag hatte ich so etwas wie eine Erleuchtung, plötzlich sah ich Türen, die nicht mehr verschlossen waren, sondern mich dazu einluden, einzutreten.
Leider konnte ich an dieser Therapie nur ein halbes dutzend Mal teilnehmen, dann fuhr ich wieder nach Hause. Da ich während meinem Aufenthalt in der Klinik allerdings sehr schlechte Nachrichten erhielt, hatte ich das Gefühl, nichts erreicht zu haben und war nahe dran, aufzugeben (im wahrsten Sinne des Wortes).
Durch einen sehr guten Freund in Luxemburg (der ebenfalls Patient in Bad Neuenahr-Ahrweiler gewesen ist) bekam ich die Adresse von Frau Stroppel, einer Diplom-Psychologin. Die Tatsache, dass in ihrer psychotherapeutischen Praxis u.a. auch mit Psycho-Drama gearbeitet wurde, machte mich neugierig, und ich freute mich regelrecht auf weitere Erfahrungen in einer ähnlichen Gruppe.
Bis heute kam es nicht dazu – und das hat mir bis jetzt nichts ausgemacht. Die Gespräche, die ich seitdem regelmässig mit Frau Stroppel führe, tun mir sehr gut. Wir wühlen sehr viel in meiner Vergangenheit, besprechen aktuelle Situationen, und schon öfter hat sie mir – eher indirekt – gute Tipps gegeben, wie ich mit gewissen Problemen umgehen und sie angehen soll. Es geht mir besser, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche.
Nun werde ich oft gefragt, was in dieser Therapie genau passiert. Nun, um ehrlich zu sein : ich weiss es nicht so genau. Das Reden hilft – und Frau Stroppels Reaktion auf meine Aussagen. Sie greift bestimmte Dinge, die ich erwähne, auf und vertieft sie mit mir. Dabei lerne ich Erstaunliches über mich, meine Fähigkeiten, meine Stärken, meine Schwächen. Ich erlebe selbst meine Vergangenheit neu, und viele Erlebnisse, die ich in meiner Kindheit und fast schon vergessen hatte, finden den Weg in meine Erinnerung zurück, und ich habe feststellen müssen, dass die Ursprünge für meine Depressionen nicht nur auf meinem Arbeitsplatz zu finden sind.
Ich bin durch eine schwere Zeit gegangen, mit vielen Tränen und Mutlosigkeit. Irgendwie haben die Gespräche mit Frau Stroppel mein Interesse an meinen Hobbys (der Musik, dem Taekwondo, meinem Lieblingssport) – und an meinem Leben – wieder geweckt.
Ich kann jedem, der mit Depressionen zu kämpfen hat, nur dringend empfehlen, so wie ich Hilfe aufzusuchen, denn man wird die Probleme nicht allein lösen können, schon gar nicht mit Antidepressiva und Schlaftabletten. Zwar hat man Freunde, mit denen man reden kann, doch sollte man deren Hilfsbereitschaft nicht zu sehr in Anspruch nehmen, weil man sie dadurch doch sehr belastet, weil sie zwar Ratschläge geben können, mit der Zeit wahrscheinlich aber auch des ewigen « Es-geht-mir-nicht-gut » Gelabere überdrüssig werden. Ich jedenfalls habe diese Erfahrung gemacht. Daher sollte man sich mit Menschen zusammen setzen, die für solche Gespräche ausgebildet wurden, Abstand dazu haben und denen man auch Dinge erzählen kann, die man dem besten Freund lieber vorenthalten will. Denn manchmal erfährt man auch Dinge über sich, die ein guter Freund nicht wissen muss.
R. Halsdorf