Für mich (Susanne Stroppel) war das Lesen dieses Buches mit dem Erleben von „Flow“ verbunden. Es hat meine ganze Aufmerksamkeit gefesselt, ich habe mich innerlich angeregt und lebendig gefühlt, voller Neugierde und Offenheit.
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit erzähle ich einfach ein bischen von meinen persönlichen „Highlights“.
Im ersten Kapitel beschreibt Karl Heinz Brisch die Entwicklung der Bindungstheorie in einem historischen Rückblick. Spannend geschrieben, leicht verständlich, inclusive lebensgeschichtlichem Hintergrund von Bowlby. Selbst erst seit relativ kurzer Zeit mit aktuellen Erkenntnissen der Bindungsforschung beschäftigt, kannte ich von deren Geschichte nur einzelne Puzzleteile. Jetzt hat sich für mich eine Lücke geschlossen, ich habe ein vollständigeres Bild.
Im Weiteren erläutert der Autor die Relevanz bindungstheoretischer Erkenntnisse für die Gestaltung psychotherapeutischer Prozesse. Ausgangspunkt ist das Postulat, dass das Bindungssystem aktiviert ist, wenn sich ein Mensch hilfesuchend z.B. an eine Psychotherapeutin wendet. Somit sei die Kenntnis der verschiedenen Bindungsmuster und ihrer Entstehungsbedingungen für alle Heilberufe von grösster Bedeutung. Das Wissen um verschiedene Bindungsstörungen erleichtere es, Klient/innen besser zu verstehen und das therapeutische Vorgehen darauf auszurichten.
In vielen Fallbeispielen unterschiedlicher Bereiche der klinischen Praxis zeigt der Autor, wie dies aussehen kann. Die lebendigen, vielfältigen Fallbeispiel waren für mich der wertvollste Teil des Buches. Karl Heinz Brisch stellt bei jedem Fall bindungsdynamische Überlegungen an, an denen er dann die Interventionen orientiert.
Was ich für meine Arbeit mitnehme:
Für mich als psychodynamisch arbeitende Therapeutin ist es spannend, klassisch psychodynamische Betrachtungsweisen um bindungsdynamische Überlegungen zu berreichern. Ich kann mein bindungstheoretisches Wissen jetzt viel gezielter und differenzierter in meiner psychotherapeutischen Praxis nutzen.
In diesem Zusammenhang habe ich begonnen, das Adult Attachment Interview, das sich im Anhang des Buches befindet, diagnostisch zu nutzen, um die Bindungsrepräsentationen von Klient/innen zu erfassen. Dabei ist mir die detaillierte Beschreibung der Bindungsrepräsentationen in dem Buch eine grosse Hilfe.
Beeindruckt und ermutigt hat mich die Bereitschaft des Autors, klassisch psychodynamische Wege und schulenübergreifende Konventionen auch mal zu verlassen, wenn dies die individuelle Bedürfnislage und Lebenssituation eine/r Klient/in erfordert.
Gefallen hat mir auch, dass an mehreren Stellen deutlich wird, dass „Bindung“ für Karl-Heinz Brisch nicht nur theoretisches Wissen, sondern bewusst gelebte Erfahrung ist. So schreibt er zu Beginn, wie hilfreich und notwendig es für die Arbeit war, „Bindungen über Fachgrenzen hinweg herzustellen und aufrechtzuerhalten. Am Schluss „Eine gute, bindungsorientierte therapeutische Arbeit ist nur möglich, wenn der Therapeut selbst in ein Netz von Beziehungen eingebunden ist, die für sein Leben und seine emotionale Bindung die sichere Basis darstellen“.
Auch in KaSu-Institut ist es uns ein zentraler Wert, in vielfältiger Weise bindungsorientiert zu leben und zu arbeiten und wir können aus unserer Erfahrung nur bestätigen, was der Autor diesbezüglich formuliert.
Brisch, Karl Heinz: Bindungsstörungen. Von der Bindungstheorie zur Therapie. 2006 (7. Auflage). Stuttgart: Klett-Cotta. ISBN: 3-608-94184-3