Wir haben Emmi Pikler enteckt. Nein, Emmi Pikler (1902-1984) ist nicht wirklich neu. Die ungarische Kinderärztin, die sich in der Säuglings- und Kleinkindbetreuung engagiert hat, ist in pädagogischen und (kinder)psychologischen Fachkreisen sehr bekannt. Aber wir haben sie jetzt für unsere supervisorische Tätigkeit neu entdeckt … und sind sehr angeregt von ihren pädagogischen Ideen, Erfahrungen und Konzepten.
Für diejenigen, die Emmi Pikler nicht oder nur wenig kennen, eine kurze Zusammenfassung ihres Tuns: Emmi Pikler gründete 1945 ein Säuglingsheim für Kinder von 0 bis 3 Jahre in Budapest. Gemeinsam mit ihrem Team engagierte sie sich dafür, die Hauptelemente von Vernachlässigung und Stress, die gerade für so kleine Kinder mit dem Leben in einer Institution einhergehen, zu vermeiden. Hierfür entwickelte sie kreative pädagogische Ideen, die sie ein ausgefeiltes und präzises Gesamtkonzept integrierte. Aufgrund einer Langzeituntersuchung zu Heimkindern wurde die WHO vor 30 Jahren auf das Emmi-Pikler-Institut aufmerksam. Die Kinder, die hier ihre Säuglings- und Kleinkindzeit verbracht hatten, gründeten in der Mehrzahl selbst Familien und wurden sozial integrierte BürgerInnen. Die typischen Heimkarrieren fand man hier nicht.
InteressentInnen finden eine ausgezeichnete Beschreibung des pädagogischen Ansatzes in dem Buch „Loczy“ (Literaturangaben siehe unten). Die Autorinnen waren nach einem ersten Besuch in dem Säuglingsheim so von der Atmosphäre des Hauses, der Ausstrahlung der Kinder und der Neuartigkeit des Pflegekonzeptes beeindruckt, dass der Wunsch entstand, zu einer vertiefenden Studie zurückzukehren. Sie verbrachten zwei Wochen im Lodczy (Name des Heimes) und fassten ihre Ergebnisse und Eindrücke in dem gleichnamigen Buch zusammen. Ihr Resumee: „Trotz unserer Vorbehalte (die Autorinnen benennen auch Grenzen und Gefahren des Ansatzes vom Emmi Pikler) möchten wir abschliessend wiederholen, wie wertvoll das institutionelle Modell ist, das im „Loczy“ verwirklicht wird. Es bewahrt die Kinder vor schweren Störungen, sichert ihnen eine gute Entwicklung, eine Strukturierung ihres psychischen Gebäudes und die Möglichkeit, Beziehung aufzubauen“.
Wir nutzen die kreativen Ideen von Emmi Pikler und ihrem Team für unsere supervisorische Tätigkeit in Kinderbetreuungseinrichtungen (siehe Entwicklungen bei KaSu)
Ausserhalb eines institutionellen Rahmens beeindruckt uns Emmi Piklers Forderung nach Zurückhaltung der Erwachsenen. Ein Kind soll Situationen und Entwicklungsschritte, die ja seinen Fähigkeiten entsprechen, aus eigener Kraft meistern können. So soll es nicht in Körperhaltungen gebracht werden, die es ohne Hilfe noch nicht einnehmen könnte. Nach Emmi Pikler entwickeln Kinder so ein tieferes und nachhaltigeres Selbstvertrauen und eine grössere Unabhängigkeit. Damit steht Emmi Pikler klar im Widerspruch zu bestimmten Richtungen, wie etwa die der aktiven, direkten Stimulation.
Wir denken, dass es für eine gelebte Eltern-Kind-Beziehung wichtig ist, zwischen den beiden Polen „Lassen“ und „Stimulieren“ eine gute Balance zu finden.
(Bezüglich diesem Absatz sehen wir deutliche Parallelen zu einem psychotherapeutischen Prozess. Auch hier ist es nicht sinnvoll, Entwicklungsschritte von aussen „heranzutragen“ sondern es braucht die Fähigkeit der Zurückhaltung und des Wartens. Gleichzeitig profitieren KlientInnen häufig von punktueller direkter Anregung).
Wenn Sie Lust haben, sich selbst mit der Emmi-Pikler-Pädagogik vertraut zu machen, hier ein paar Literaturtipps:
David, Myriam und Appell,Geneviève: Loczy. Mütterliche Betreuung ohne Mutter; München: Verlag Cramer-Klett & Zeitler (1995); ISBN: 3-931428-04-4
Pikler, Emmi: Lasst mir Zeit.Die selbständige Bewegungsentwicklung des Kindes bis zu freien Gehen. München: Pflaum-Verlag (1997)
www.familienhandbuch.de:
http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Fachbeitrag/a_Familienbildung/s_1915.html
http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Aktuelles/a_Erziehungsfragen/s_803.html