Qualität in der Kinderbetreuung bedeutet Beziehung

In jüngerer Zeit wird die Bedeutung der frühen Kindheit zunehmend diskutiert. Vielfältige Angebote wurden in den letzten Jahren für junge Eltern eingerichtet. Diese reichen von speziellen Beratungsangeboten bis hin zu Elternkursen (z.B. Elternschoul).

Ziel all dieser Angebote ist es, junge Eltern beim Aufbau einer positiven und entwicklungsförderlichen Beziehung mit ihrem Säugling zu unterstützen. Sichere Bindungserfahrungen des Kindes gelten als wichtiger Schutzfaktor für die weitere Entwicklung. Es geht darum, diesen Schutzfaktor zu nutzen, um späteren Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsschwierigkeiten vorzubeugen. Für die Gesellschaft sind diese sehr kostenintensiv.

Erfreulich ist, dass begonnen wurde, die Infrastruktur der Kinderbetreuung auszubauen. Während die oben erwähnten Angebote für junge Eltern auf Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie, der Säuglingsforschung und der Neurobiologie basieren, wird dieses wertvolle Wissen jedoch noch oft nicht hinreichend bei der Gestaltung ausserfamiliärer Säuglings- und Kleinkindbetreuung berücksichtigt.

Wir sind beide sowohl als Supervisorinnen in der Kinderbetreuung in Luxemburg als auch in der Weiterbildung von pädagogischen Fachkräften in Deutschland und Luxemburg tätig.

Dabei beobachten wir in Luxemburg in Einrichtungen der Säuglings- und Kleinkindbetreuung einen Betreuungsschlüssel von einer anwesenden pädagogischen Fachkraft auf sechs Säuglinge und Kleinkinder (0-2 Jahre), wobei dieser stundenweise überschritten werden darf (in Maisons Relais um 33%; Ausführungsbestimmungen vom 20.07.2005). In Deutschland variiert der Betreuungsschlüssel in dieser Altersgruppe von 1:4,5 in Rheinland Pfalz bis 1:8 in Berlin. Weiter begegnen wir vereinzelt Gruppengrössen von bis zu 17 Säuglingen und Kleinkindern. Viele von ihnen verbringen acht Stunden und mehr (manchmal bis zu 12 Stunden) in der Einrichtung, bei gelegentlich nur wenig „Urlaubstagen“ im Jahr.

Zunehmend werden in Maisons Relais unqualifizierte Betreuungspersonen (das Gesetz erlaubt bis zu 20%) beschäftigt. Die restlichen 80% werden qualifiziert genannt, darunter fallen jedoch auch Menschen, die lediglich gering qualifiziert sind. Hierzu gehören Menschen, die eine Weiterbildung von 100 Stunden erhalten (nach Abschluss der 11. Klasse), Aide Socio Familiale, in deren Ausbildung 110 Stunden zum Bereich Kindheit und Familie vorgesehen sind, Hilfserzieher/innen (CATP Socio éducatif) sowie Auxiliaire économe. Lediglich 40% müssen mindestens die Qualifikation Erzieher/in haben.

Weiter beobachten wir, dass in der Eingewöhnungsphase die Bedürfnisse des Kindes zu kurz kommen. So wird ein Kind bereits (manchmal schon am ersten Tag) alleine in der Einrichtung gelassen, ohne dass es Zeit hatte, eine ausreichend vertraute Beziehung zu einer/einem Erzieher/in aufzubauen.

Expert/innen (vgl. z.B. Remo Largo 2004, Karl-Heinz Brisch, nach Wilhelm, 2005) empfehlen eine maximale Gruppengröße von acht Säuglingen und Kleinkindern (0-3 Jahre) bei einem Betreuungsschlüssel von 1:3. Wassilios Fthenakis (2003) vertritt dabei, dass nach Gruppengrösse und Betreuungsschlüssel die Anzahl der Stunden, die ein Kleinkind in Gruppenpflege verbringt, ohne überfordert zu sein, für die Qualität entscheidend sei. In der Literatur finden sich Empfehlungen von maximal 20-30 Wochenstunden. Auch sei es wichtig auf gut ausgebildetes Fachpersonal zurückzugreifen. Die Faustregel „Je jünger die Kinder desto besser ausgebildet die Betreuer/innen“ wird in diesem Zusammenhang häufig genannt (vgl. z.B. Fthenakis und Largo). Dabei ist es wichtig, dass die pädagogischen Fachkräfte speziell für die Betreuung von Säuglingen und Kleinkindern weitergebildet sind. Denn Säuglinge und Kleinkinder brauchen nicht nur besondere Hinwendung und Aufmerksamkeit. Sie brauchen ein komplett anderes pädagogisches Angebot als über Dreijährige.

Zur Eingewöhnung empfiehlt das Institut für angewandte Sozialistations-forschung (INFANS, 2007) u.a. dass eine elterliche Bezugsperson das Kind in den ersten Tagen in der Einrichtung begleitet, eine ausreichend vertraute Beziehung zu einer/einem Bezugserzieher/in aufgebaut wird und das Kind erst dann schrittweise alleine in der Einrichtung bleibt. Dieses Modell wird unter dem Stichwort „Berliner Modell“ in Deutschland seit Jahren flächendeckend mit Erfolg praktiziert.

Mit Blick auf kindliche Grundbedürfnisse deren Erfüllung sowohl für eine gute seelische als auch für eine optimale kognititive Entwicklung essentiell sind, betrachten wir die Situation und die Entwicklung in der ausserfamiliären Säuglings- und Kleinkindbetreuung hier in Luxemburg aber auch in Deutschland mit grosser Sorge.

Es ist uns ein Bedürfnis, mit diesem Artikel sowohl eine Diskussion als auch Veränderung anzuregen.

Weil uns Kindeswohl genauso am Herzen liegt wie Ihnen!

> Qualität in der Kinderbetreuung (Fachartikel als PDF)