Reddemann, Luise: Würde – Annäherung an einen vergessenen Wert in der Psychotherapie

Ich (Susanne Stroppel) bin schon seit langem ein großer „Fan“ von Luise Reddemann, gerade weil ich sie in all ihren Büchern und auch Vorträgen immer als sehr wertebildend erlebt habe. Dabei hat sie sich noch nie gescheut, gerade auch Werte zu vertreten, die nicht mehr „in“ sind, wie z.B. die des Feminismus.

Nun hat sie einem – aus ihrer Perspektive in der Psychotherapie vergessenen Wert – ein eigenes Buch gewidmet: der Würde.

Wie ist „Würde“ definiert? Und was hat Würde mit Psychotherapie zu tun? Wo es doch für uns (Psychotherapeut/innen) selbstverständlich ist, unseren Klient/innen wertschätzend zu begegnen?

Luise Reddemann formuliert „Annäherungsversuche“, die mehr öffnen und anregen, als die Fragen abschliessend beantworten. Hier ein paar „Appetizer“:

Würdevoll ist, wer DAS GESAMTE SPEKTRUM MENSCHLICHER MÖGLICHKEITEN (alle Gefühle, Gedanken, Körperempfindungen und Handlungsimpulse) wahrnimmt und AKZEPTIERT (vgl. S.22).

Würde zeigt sich in in einem WÜRDEVOLLEN UMGANG MIT DEM MACHBAREN BZW. DEM NICHT MACHBAREN (vgl. S. 28). Für Menschen in helfenden Berufen geht es hier um die Spannng zwischen Helfenwollen und Respekt vor der Würde des Kranken. „Ich hörte den Wunsch eines Flüchtlings, der um Verstehen bat, nicht um Hilfe. Hilfe würde ihn klein machen“. (S. 40)

In diesem Zusammenhang gibt es eine WÜRDE DER VERLETZLICHKEIT, die nur achten kann, wer sich selbst mit seiner Ohnmacht und Verletzlichkeit akzeptieren kann (vgl. S. 112).

ZUR MENSCHLICHEN WÜRDE GEHÖRT DAS UNVOLLKOMMENE UND UNVOLLENDETE. Hier zitiet Luise Reddemann Viktor Frankl: „Denn wer da meint, ein Menschenleben müsse ein Schreiten von Erfolg zu Erfolg sein, der gleicht wohl einem Toren, der kopfschüttelnd an einer Baustelle steht und sich wundert, dass da in die Tiefe gegraben wird, da doch ein Dom entstehen soll. Gott baut sich einen Tempel aus jeder Menschenseele.“ (S. 112)

Es gibt GESELLSCHAFTLICH BEDINGTE WÜRDEVERLETZUNGEN – Arbeitslosigkeit, Sozialabbau und Armut. Diese als Psychotherapeut/in zur Kenntnis zu nehmen ist Luise Reddemann wichtig. „Können wir ohne Zurkenntnisnahme gesellschaftlich bedingter Würdeverletzungen handeln, unseren PatientInnen helfen? Vielleicht begnügen sich manche von uns etwas zu sehr mit den inneren Vorgängen. Zweifellos gibt es PatientInnen, für die der ausschließliche Blick auf die Innenwelt heilsam ist. Aber sind das nicht die stabileren, die, die in sogenannten geordneten Verhältnissen leben? Was ist mit den vielen, die täglich mehr werden, die das nícht haben? Diesen Verhältnissen keinen Raum in der Therapie geben und hoffen, dass die Therapie schon helfen wird? Nein …“ (S.42)

Es gibt „auch so etwas wie eine WÜRDE DES ZORNS ÜBER UNGERECHTIGKEIT, … Empörung über Missverhältnisse“ (S. 41).

Das Buch birgt viele weitere anregende Gedanken und auch konkrete Vorschläge für eine würdevolleren Umgang mit unseren Klient/innen.

Lesen lohnt sich – nicht nur für Psychotherapeut/innen, sondern für alle Angehörigen sog. helfender Berufe.

Reddemann, Luise: Würde – Annäherung an einen vergessenen Wert in der Psychotherapie. Stuttgart: Klett-Cotta. 2008. ISBN: 978-3-608-89066-2