Stella Braam beschreibt in diesem Buch Gespräche mit ihrem Vater (René van Neer), der an Alzheimer erkrankt ist. Es handelt sich um eine engagierte Beschreibung, die immer wieder die Sicht des Erkrankten einnimmt. Das, was der Vater zusehens scheinbar nicht mehr versteht, sich nicht mehr erklären kann und „falsch“ interpretiert wirkt in dem Rahmen seiner Wahrnehmung- und Erklärungsmöglichkeiten klar, logisch und verständlich. Reaktionen machen Sinn. Warum z.B. sind die Türen zu, warum kommt René nicht raus? Wer hat seine Gelbörse „gestohlen“…? René wehrt sich tatkräftig gegen einen Einbrecher /einen Pfleger. Doch woher soll er wissen, wer dieser Wildfremde ist, der plötzlich in seinem Zimmer steht.
Das Buch hat mich beeindruckt, weil es ein gelungener Versuch ist die Krankheit zu beschreiben. Der Leser bekommt tatsächlich einen Eindruck davon, wie es sich anfühlt, wenn das Vergessen immer mehr Teile der Vergangenheit frisst. Es handelt sich aber auch um ein Plädoyer für eine andere Pflege. Eine Pflege, die versucht sich hineinzuversetzen und zu verstehen. Das was Alzheimer Patienten tun, macht Sinn. Die Angehörigen und Pflegenden müssen versuchen zu verstehen was der Sinn ist. Es ist aber auch eine Stellungnahme gegen das Ruhigstellen von Patienten mittels massiver Psychopharmakagabe oder Zwangsmassnahmen.
In meinen (Karin Weyer) Supervisionen von Pflegekräften geht es oft darum, sich besser einfühlen zu können. Zu versuchen zu verstehen, warum jene Dame agressiv mit Füssen tritt, wenn man doch nur versucht ihr die verdreckten Schuhe auszuziehen. Was würden Sie eigendlich tun, wenn jemand ihnen die Schuhe ausziehen will und sie nicht wissen, was los ist?
Das Buch von Steel Braam zeigt, dass Verstehen nötig und möglich ist. Somit eine empfehlenswerte Lektüre sowohl für Pflegekräften, die ihre Empathiefähigkeit schulen wollen, als auch Angehörigen, die verständnislos den Veränderungen gegenüberstehen.
Stelle Braam(2007) Ich habe Alzheimer.Wie die Krankheit sich anfühlt.Weinheim, Basel: Belz ISBN 978-3-407-85763-7