In der 70 ger Jahren hat Philip Zimbardo an der Stanford Universität ein Projekt gestartet in dem er junge Studenten zufällig einer Gruppe als Gefängniswärtern oder Gefängnisinsassen zugeteilt hat. Das Experiment musste nach 5 Tagen und zwei Nervenzusammenbrüchen von Insassen frühzeitig abgebrochen werden. Die Schnelligkeit wie aus ganz normalen jungen Männern bösartige Gefängniswärtern wurden oder hilflose angepasste Insassen ist auch heute noch beeindruckend. Zimbardo beschreibt im ersten Teil dieses Buches das Experiment das erstemal in Gänze und en Detail.
Wo aber liegt die Relevanz nach über 30 Jahren? Zimbardo wurde als Experte in einem Gerichtsverfahren bzgl. der Vorfälle in Abu Graib gehört. Das Erschreckende sind die Parallelen. Die dortigen Gefängniswärter verwandelten sich genauso wie die Studenten damals von ganz normalen Leuten zu Tyrannen, die Grenzen überschreiten und Gewalt anwenden. Zimbardo vertritt die Ansicht, dass unter besonderen Bedingungen, wie z.B. Entmenschlichung der Opfer und Entindividualisierung der Täter sowie durch Anonymität, ganz normale Menschen zu Täter werden können. Dass also die Situation dazu führen kann, dass bis auf Ausnahmen jeder zu einem Unmensch werden kann.
Mich (Karin Weyer) hat das Buch sehr berührt, weil immer wieder viel Wert darauf gelegt wird sich in die Situation der Täter hineinzuversetzen, ohne dass das Verhalten entschuldigt wird. Dabei wird deutlich, dass wir (Sie und Ich) nicht wissen können, wie wir in einer solchen Situation handeln würden. Natürlich hoffen wir oder sind auch überzeugt: Wir nicht! Zimbardo erschüttert diese Überzeugung mit Recht und zwingt die Leser und Leserinnen so zu der bitteren Einsicht, dass wir nicht 100% gefeit sind. Er zeigt aber auch was helfen kann, wie wir uns schützen können um nicht zu Tätern, Mittätern oder Wegguckern zu werden. Zentral ist hierbei die volle Verantwortungsübernahme für alles was wir tun oder lassen sowie Wissen darüber wie leicht wir zu manipulieren sind.
Das Buch ist durch die Überfülle von Details zum Teil etwas langatmig aber eben auch gespickt mit vielen spannenden Einsichten. Neben der Beschreibung des Stanford Prison Experiment, sowie dem Zusammenhang mit den Vorkommnissen in Abu Graib gibt es in dem Buch auch einen guten Überblick über die sozialpsychologisch Forschung zu den Themen Anpassung und Gehorsam. Insgesamt also ein spannendes Buch, welches hoffentlich bald auch ins Deutsche übersetzt wird.
Philip Zimbardo (2007). The Lucifer Effect Understanding How Good People Turn Evil. New York: Random House ISBN: 978-1-4000-6411-3